Einmal Fräulein Wurster, bitte!

Einmal Fräulein Wurster, bitte!

 

Der gelbe Bikini

 

Ich sehe mein 16-jähriges Ich noch genau vor mir. Idealistisch, viele große Träume und mit der Welt noch so Einiges vor. Die Menschheit brauchte etwas mehr Wurster-Charme, jedenfalls dachte ich das damals und marschierte übermotiviert und mit gutsitzenden Levis ins Leben. Zehn Jahre später hat es sich so gut wie ausgejeanst und nur allzu gern würde ich mein pubertierendes damaliges Ich bitten, endlich aufzuhören sich mit den Spaghetti-Beinchen von Cantal & Natascha aus der 10c ständig ins Unglück zu vergleichen. Aber nicht Alles hat sich verändert und auch heute noch ist es mir ein großes Bedürfnis, die Welt etwas bunter und mutiger zu hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. So beschloss ich vor einiger Zeit mit meinem Lebensmotto („Das Leben ist zu kurz um den Bauch einzuziehen“) das Label Bauchfrauen zu gründen. Das Label soll Frauen inspirieren sich zu lieben - so wie sie sind und erst recht mit zu wenig Busen oder zu viel Po.

 

Die Sängerin Pink erklärte ihrer 6-jährigen Tochter einmal, dass Schönheit dadurch entstehe seine Wahrheit zu leben, unabhängig davon was andere dazu meinen. Und ebenso wie Pink glaube ich an die Vielfalt der Schönheit, die nicht auf der Waage sichtbar wird, sondern durch den Mut, man selbst zu sein. Und unsere Message kommt gut an! Das zeigen mir nicht nur all die Frauen, die unsere Motto-Shirts bestellen, sondern auch etliche sehr emotionale E-Mails, in denen Frauen ihre unterschiedlichsten Erfahrungen mit uns teilen. Ich glaube die 16-jährige Sandra hätte echt Bock auf Bauchfrauen gehabt. Doch in so einer spannenden Gründerzeit vergisst man sich schnell und muss sich wieder daran erinnern, dass die Welt immer bei einem selbst beginnt. Erst gestern wurde ich von der Straßenbahnwerbung darauf aufmerksam gemacht: „Ein vornehmer Mensch tadelt sich selbst, ein gewöhnlicher die anderen“. Wie Recht Konfuzius doch hat. Ständig fordere ich andere Frauen auf, mehr Mut für Sich und Ihr Leben aufzubringen und verlasse allerdings viel zu selten meine eigene Komfortzone.

Und so beschloss ich irgendwann, mein mir so unliebsames Thema Bikini anzugehen.

 

Alles fing mit diesem wunderschönen Bikini-Oberteil an. Mal wieder hatte ich mir einen neuen Sommerlook zusammen gedacht und für diesen brauchte ich einen gelben Bikini, der versehentlich, leicht lasziv hervorblitzen sollte. Ibiza-Vibes für Anfänger. Mein alter H&M-Badeanzug und ich standen kurz vor unserem fünfjährigen Jahrestag. Zugegeben, die Farben erblassten so langsam aber ich hatte nie vor, ihn zu hintergehen. Zumal ich wusste, was ich an ihm hatte: Er hielt alles zusammen, was zum zusammen halten war. So ein Badeanzug ist eben eine solide Sache! Doch es konnte ja keiner ahnen, dass ein gutsitzendes Bikini-Oberteil so verdammt überzeugend sein kann. Meine Brüste wollten nie wieder das gelbe Paradies verlassen und so bestellte ich auch noch das passende Bikini-Höschen nach. Das Päckchen kam kurz vor unserem Urlaub an und so stopfte ich mein Hinterteil in das sehr kleine Höschen. Doch leider musste ich feststellen, dass meinem Lieblingslabel wahrscheinlich der Stoff ausgegangen sein musste. Oder jemand durch einen Zahlendreher die Kleidergröße 42 mit einer Kindergröße 24 vertauscht hatte. Was ich da im Spiegel erblickte waren eindeutige Ibiza-Vibes für Fortgeschrittene. Aber aus einem unerklärlichen Grund packte ich den Bikini ein. Brüste können mitunter einfach sehr überzeugend sein!

 

Ich war so urlaubsreif, dass ich schon vor unserem Flug meinen neuen Bikini unter meinen Kleidern trug. Bei einem 3-stündigen Flug neben einem schnarchenden Typen (mein Freund), auf ziemlich engen Sitzen war das vielleicht nicht das bequemste Outfit, das ich mir da ausgesucht hatte. Aber wie heißt es so schön: Vorfreude ist die schönste Freude. Kurz nach unserer Landung in Portugal waren wir auch schon auf dem Weg zum Meer. Wunderschöne Aussichten wurden einem da geboten und ich rede nicht vom Meer! Eine schöne Badenixe neben der anderen und ich muffelnde weiße Baracke daneben. Mission Bikini schien zu scheitern, ich hatte nicht ansatzweise vor, mich zu entkleiden sondern schmollte lieber auf der Strandliege. Schöne Vorsätze hin oder her. Nach mehrfachen Überredungsversuchen meines Freundes traute ich mich tatsächlich ins Wasser aber auch weil unsere Strandliegen-Nachbarinnen „ich bin so perfekt“ und „gemachte Brüste“ endlichen gingen. Trotzdem wurde meine Laune nicht besser. Ich lies mich nicht nur unnötig einschüchtern sondern steigerte mich wie damals als 16-jähriges junges Mädchen hinein. Mein ganzes Selbstbewusstsein wurde einfach so von den Wellen des Meeres weggespült. So nackt und angreifbar hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Fest entschlossen mir im nächstbesten Bademode-Geschäft einen Badeanzug zu kaufen, verließen wir den Strand und machten uns auf den Weg zu unserer gebuchten Finca. Leicht aufgeregt fuhren wir die Einfahrt entlang in der großen Hoffnung, nun auch gleich auf unser Häuschen zu stoßen, welches wir im Internet sorgsam ausgesucht hatten. Doch was uns dann erwartete hatte ich nicht erwartet. Live waren Finca, Pool und der tropische Garten noch viel schöner, als es die Bilder im Internet hätten vermuten lassen. Ein paradiesischer Ort der es schaffte, meine Laune in wenigen Minuten zu ändern. Wir plantschten bis in den Sonnenuntergang hinein. Nur mein Freund und ich. Langsam lösten sich die ganzen negativen Gedanken in mir auf und ich merkte, wie wir unseren Stuttgart-Stress genüsslich von der Sonne wegbrutzeln ließen. Wir entschleunigten komplett und verlangsamten alles um uns herum und auch uns selbst. Und plötzlich sagte mein Freund, als hätte er es spüren können, das ich es brauchte: „Weißt du eigentlich, wie gut du in deinem neuen Bikini aussiehst?“. Danach schlich ich mich schnell ins Badezimmer zum großen Spiegel und beobachte mich eine Zeit lang. Ich sah eine gesunde, normale Frau mit vielen weiblichen Rundungen und einem eben doch nicht so hässlichen Bauch, wie ich es mir selbst eingeredet hatte. In diesem Moment gewann ich wieder mein Selbstbewusstsein und verlor meine eigenen Vergleich-Dämonen. Durch das Kompliment meines Partners hatte ich wieder den Mut, mir selbst zu begegnen und durch diese wunderschöne Finca gewann ich wieder so viel Selbstvertrauen, die nächsten Strandtage zu genießen und sogar das ein oder andere Mal mich „oben Ohne“ zu sonnen. Man muss ja zeigen, was man hat. Zurück in Deutschland vermisse ich unsere kleine Finca sehr und frage mich was mein kleiner Rückzugsort im Stuttgart-Alltag werden könnte. Ein Ort, an dem ich mich genauso geborgen und doch frei fühle und an dem ich Kraft tanken kann. Ich bin noch auf der Suche. Doch sobald ich ihn gefunden habe, lasse ich es euch wissen.

 

Euer Fräulein Wurster